Wo Himmel und Erde sich verbinden. Von der Kraft der Psalmen. Einführung in die Ausstellung der Künstlerin Prof. Dr. Maria-Anna Bäuml-Roßnagl.

Von Dr. Bernhard Stalla

 

Seit Jahrtausenden ringen die Psalmendichter, Psalmensänger, Psalmenmaler und Psalmenbeter mit Gott. Die Psalmen stellen das gemeinsame Gebetbuch der Christen und Juden dar, das der ganzen Welt gehört und das menschliche Leben und Menschsein mit allen Schwächen und Stärken, Leiden und Freuden, Verzweiflungen und Hoffnungen abbildet.

In den Psalmen steckt menschliche Lebenserfahrung mit der Gewissheit, dass Gewalt und Gemeinheit, Menschenverachtung und Lüge am Ende nicht entscheidend sein werden, sondern dass die Schreie und Gebete, die ohnmächtige Wut und der Hass verwandelt werden durch zarte Poesie und Liebe in Freiheit, Menschlichkeit und Frieden. Die Psalmendichter und Psalmenmaler wenden sich an einen Gott, der da ist, der Menschen und Tieren hilft.

Frau Prof.Dr. Bäuml-Roßnagl, zeigt Ihren Bilderzyklus „Psalmen-Botschaften in Tierbildern“. Die Künstlerin wurde 1945 in Gleißenthal in der Oberpfalz geboren.  Nach dem Abitur am Musischen Gymnasium der Englischen Fräulein in Regensburg absolvierte sie eine bildnerische Ausbildung an den Universitäten Regensburg und München. Bildnerisches Gestalten und Wirken begleitet auch ihre berufspraktischen Tätigkeiten im Schuldienst und in der universitären Lehrerausbildung, sowie in der Erwachsenenbildung.

Seit dem Jahr 1988 betreut sie sozialästhetische Kulturprojekte und interdisziplinäre Forschungsprojekte, die in zahlreichen Publikationen und Öffentlichkeitsarbeit zur ästhetischen Bildung dokumentiert sind. Im Jahr 1995 gestaltete sie im Künstlerdorf Wessobrunn, im benediktinischen Klostergut, die Entstehung des Bilderzyklus „Psalmenbotschaften in Tierbildern“ Die Künstlerin Anne Ross teilt persönliche Erlebnisse und existentielle Lebenserfahrung mit Pinsel und Farbpalette in ästhetischer Gestaltung mit. Ihre Bilder entstehen als „Reisespuren“ des Lebens nach Außen und nach Innen.

Gott macht jeden Tag einen neuen Anfang mit seiner Schöpfung und eine Einladung dazu, Hoffnung zu schöpfen und sie gegen den trostlosen Augenblick zu wagen..

 

„Ich will dich rühmen, Herr, denn

 

du hast mich aus der Grube gezogen (...),

 

aus der Schar der Todgeweihten

 

mich zum Leben gerufen.“

 

„Er zog mich heraus aus gewaltigen Wassern. (...)

 

Er führte mich hinaus ins Weite (...)

 

Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem

 

Gott überspringe ich Mauern.“

 

Im Gespräch mit Gott, in Konfrontation mit dem eigenen Schatten entdeckt der Psalmenbeter die Möglichkeit aus dem lähmenden Kreisen um sich selbst auszubrechen und seine Situation im Kontext der ganzen Menschheit zu sehen.

Von einem ostjüdischen Rabbi wird erzählt, dass er Menschen in scheinbar auswegloser Situation zu raten pflegte „Verlasst euch nicht auf Wunder, sondern rezitiert Psalmen!“

Die Psalmen stellen in eindringlicher Weise den Lobpreis von Gottes Kraft, Größe und Güte dar.

 

„Mein Gott macht meine Finsternis hell (...)

 

Gott hat mich mit Kraft umgürtet, er führt

 

mich auf einem Weg ohne Hindernis (...)

 

Du schaffst meinen Schritten weiten Raum (...)“

 

„Unsere Seele ist wie ein Vogel

 

dem Netzt des Jägers entkommen;

 

das Netz ist zerrissen,

 

und wir sind frei.“

 

Der Dichter Rainer Maria Rilke beschreibt das Buch der Psalmen als trostspendende Literatur, die Hoffnung für einsame Nächte bedeutet.

 

 „Ich habe die Nacht einsam hingebracht ... und habe schließlich die Psalmen gelesen, eines der wenigen Bücher, in dem man sich restlos unterbringt, mag man noch so zerstreut und ungeordnet und angefochten sein.“

 

Der Liedermacher und Poet Konstantin Wecker dichtet in seiner Liedersammlung „Man muß den Flüssen trauen“ von seiner Beziehung zu Gott.

 „Will mich nicht messen mit dir.

 

Will auch nicht in die Knie sinken.

 

Drück mir die Daumen

 

und schäm dich nicht vorbeizuschauen,

 

wenn ich traurig bin.

 

Lass mich nicht fallen, lieber Gott.“

 

Die spirituellen Erfahrungen der Menschen im Laufe von jahrtausenden Jahren sind in die Psalmen eingeflossen, in die Urtexte und in die vielfältigen Übertragungen. Diese Lieder sind zu vielfältigen Anlässen entstanden, für die großen liturgischen Feiern im Tempel von Jerusalem, für die Opfer, die dort von einzelnen Familien dargebracht wurden, für Feste am Königshof, aber auch als Meditationstexte der Weisheitsschulen oder als Textvorlagen für das Gebet des Einzelnen. Vielfältig, wie die Anlässe, sind die Verfasser der Psalmen. Der Psalter vereinigt eine Reihe von Gebetbüchern und Liedersammlungen, die jeweils eine eigene Entstehungsgeschichte haben, darunter befindet sich auch die im Lauf der Jahrhunderte immer wieder bearbeitete Liedersammlung von König David.

Zu den Autoren gehören Theologen und Tempelpriester, Hofdichter und Propheten, Weisheitslehrer und Könige, aber auch einfache Menschen aus dem Volk. Der Psalter verbindet Tempelgesänge und Volkslieder, Trostlieder und Widerstandslyrik, mystische Gotteslieder und kritische Texte gegen die Gewalt der herrschenden Mächte. Psalmenartige Lieder und Meditationen gibt es in der Kulturgeschichte der Menschheit, im altorientalischen Umfeld, im ägyptischen Totenbuch, in den sumerischen Hymnen, in den Inschriften von Babylon und Ninive und vor allem in den Liedersammlungen und Gebetstexten Israels, die eine persönliche Beziehung von Gott und Mensch beinhalten. In den Psalmen steckt Freude an Gott, nicht nur Melancholie, Enttäuschung, Bitterkeit, sondern auch Mut zum Leben, Vertrauen, Neugier.

Die Psalmen enthalten uralte Weisheiten des Lebens, die die Begegnung mit Lebenserfahrung und Wissen beinhaltet, die nicht morgen schon wieder veraltet ist, sondern einen tragfähigen Boden darstellt, als spirituelle Erfahrung von Jahrtausenden.

Die Künstlerin  Frau Prof. Dr. Bäuml-Roßnagl gestaltet in ihrem Bilderzyklus „Psalmen-Botschaften in Tierbildern“. die Beziehungsfelder Gott und Mensch, Himmel und Erde, Schöpfung und Evolution, Gebet und Beziehung, Gnade und Gabe, Segen und Geschenk. In einer Zeit von persönlicher Bedrängnis und geistiger Umorientierung entstanden im Jahr 1995 im Künstlerdorf Wessobrunn dreizehn Bilder mit Tiermotiven aus den Psalmen des Alten Testaments. Menschen und Tiere gehen den Weg des Endlichen durch die Erdenzeit. Sie erfahren die Dynamik des Lebens zwischen Freude und Leid. Die Tiermotive spiegeln animalische Grundsituationen des Menschen vor Gott wieder.

Die Vögel erscheinen als Mittler zwischen Erde und Himmel, Mensch und Gott – sie sind Symbol der menschlichen Seele und fliegen oft gleichsam in den Himmel. Die alttestamentlichen Psalmen sind große Lieder des Aufsteigens der Seele zu Gott. Sie zeigen gleichsam die Perspektive des Menschen, der sich zu Gott wie im Vogelflug erhebt, um die Erdenschwere auf unserer buckeligen Erde hinter sich zu lassen.

Symbol für Ganzheit und Vollkommenheit ist seit alters der Kreis und oft kommt ihm so auch eine kosmisch-sakrale Bedeutung als reines Gestaltzeichen des Göttlichen zu. Der weiße Kreis über schwingenden Landschaftsformationen hat in den Bildern dieses Psalmenzyklus solche Bedeutung, er kündet von der ganzen Fülle des Lebens in Gott.

Horizontale und Vertikale durchkreuzen sich zeichenhaft in vielen Liniaturen der Bilder. Wie selbstverständlich dazugehörend fügt sich das Kreuz in die schwingenden Lebenslinien und zeichnet die Entwicklungsrichtung der Liebe Gottes auf dieser Erde.

Und der Psalmenbeter bringt freudige Dankeshymnen vor den Schöpfer, aber noch öfter erhebt er seine Stimme mit Klageliedern zu jenem Gott, von dem allein er sich in seiner Not Hilfe erwartet.

Die Psalmen bringen in Versen und Rufen die tiefe Sehnsucht des Menschen nach der verlorenen Einheit von Natur, Mensch und Gott eindringlich zur Sprache. Wenn sie die Menschen in Gottes Schöpfungsordnung einfügen, haben sie reichen Anteil an der göttlichen Lebensfülle. Anschaulich gemacht wird diese wesentliche Botschaft der Psalmen in animalischen Lebensäußerungen, die in den Tiermotiven dieses Bilderzyklus in Farben und Formen symbolisch zur Wahrnehmung kommen.

Zurück