Ehemalige Synagoge  
Ichenhausen    

Haus der Begegnung 

  

 

 


Text der Tonbildschau

 Bild 1: Sternenhimmel (Stern in der Mitte)

 Bild 2:  Sternenhimmel                                    Bild 2 a:   Titel                            Bild 2 b - f:   Impressum

  Teil 1

Bild 3:    Türe

  Durch diese Türe sind wir hereingekommen. Durch diese Türe gingen schon vor mehr als dreihundert Jahren Ichenhauser Bürger ein und aus. Ichenhausen selbst aber besteht schon viel viel länger.

Bild 4:    Alte Kirche (Gemäldeausschnitt)

    Im Jahre 1406 war dem Dorf auf Bitten des Ortsherrn, Ritter Hans von Rot, durch Herzog Leopold IV. von Österreich das Marktrecht verliehen worden.     Am Marktplatz wurde eine neue Kirche gebaut und der Ort mit einer Umgrenzung umgeben.

Bild 5:    Berchtold von Rot (gestorben 1560)

  Unter der Herrschaft des Ritters Berchtold von Rot im Jahre 1541 finden wir den ersten schriftlichen Hinweis auf Juden in Ichenhausen. Im Laufe der Geschichte wurden    aus vielen Städten immer wieder Juden vertrieben. Sie durften sich in anderen Orten ansiedeln, wenn der jeweilige Ortsherr ihre Ansiedlung wünschte. Die Juden mussten   allerdings mehr Abgaben leisten als die christlichen Bewohner.

Bild 6:    Titelbild der Tora (1543-1545)

  So kam auch Chajim ben David Schwarz, ein berühmter jüdischer Buchdrucker aus Prag, nach Ichenhausen, wo er die fünf Bücher Mose, den Pentateuch, druckte.

Bild 7:    Jüdischer Friedhof Ichenhausen

  Im Jahre 1567 gestattete Erzherzog Ferdinand den Ichenhauser Juden ein, eigenes Begräbnis anzulegen.

Bild 8:    Marktvereinigung (Gemälde ohne Rahmen)

  Der Markt blühte auf. Es entstanden die beiden Schlösser. Außerhalb des Marktes und nur 100 Meter von der katholischen Pfarrkirche entfernt wurde 1687 die erste Synagoge errichtet.

Bild 9:    Synagoge (Außenaufnahmen)

  Im Jahr 1781 wurde diese Synagoge vergrößert. Zu dieser Zeit war ungefähr die Hälfte der Ichenhauser Bevölkerung Juden.

Bild 10: Kolleffelplan                Bild 10 a: Kolleffelplan (Ausschnitt Markt)           Bild 10 b: Ausschnitt Judenhäuser

  Auf dem Ortsplan des habsburgischen Militärbeamten Kolleffel kann man an der schwarzen Farbe die Judenhäuser erkennen. Es fällt auf, dass Juden nur außerhalb der Tore und der Umgrenzung wohnen durften.

Bild 11: Marktplatz                                                Bild 11 a: Marktplatz (Ausschnitt: Juden mit Spitzhut)

Seite 2   Text der TBS

Juden wurden vielfach in Berufe abgedrängt, die bei den Christen unbeliebt oder verboten waren: Geldverleiher, Pfandleiher, Hausierer oder Kesselflicker. Die Möglichkeit, Grund zu erwerben, war für sie lange Zeit eingeschränkt. Im 19. Jahrhundert konnten Juden auch Berufe ergreifen, die bislang Christen vorbehalten waren. So erzählt die Geschichte vom Apotheker Samuel Schwab, vom Arzt Dr. Aub, von Lehrern und anderen sehr angesehenen jüdischen Bürgern Ichenhausens. Christen und Juden kamen hier gut miteinander aus.

Bild 12: Marktstraße heute              Bild 12 a:  Marktstraße nach 1900                  Bild 12 b: Markstraße früher (Sulzer)

  Diese schönen Häuser in der Ichenhauser Marktstraße gehörten zur bekannten Kleiderfabrik Sulzer, die als größter Arbeitgeber bis zu 400 Personen beschäftigte. 1913 genehmigte Prinzregent Luitpold Ichenhausen, sich Stadt zu nennen.

Teil 2

Bild 13: Synagogentüre alt                            Bild 14: Synagoge alt, innen

  Wir schreiben das Jahr 1932. Der jüdische Junge David und seine christliche Freundin Anna, beide zwölf Jahre alt, stehen in der Synagoge vor dem Toraschrein.

Bild 15: Toraschrein prächtig

  David: Hier, in der heiligen Lade, wird unser größtes Heiligtum, die Tora, aufbewahrt.

Bild 16: Tora im Mantel

  Anna: Was ist denn das?
 David: Die Tora besteht aus den fünf Büchern Mose, bei euch der erste Teil des Alten Testaments. Darin steht geschrieben, was Gott uns durch Moses verkündet hat.
Anna: Dann ist also die Tora ein Teil unserer Bibel.

Bild 16 a: Tora und Bibel

  David: Richtig. Du siehst, die Torarolle  ist mit einer Torakrone, einem Toramantel und einem Toraschild geschmückt. Sie wird beim Gottesdienst am Sabbath, unserem wöchentlichen Feiertag, aus dem Toraschrein feierlich herausgehoben und auf den Almemor, eine Art Vorlesepult, gelegt.

Bild 17: Offene Torarolle mit Leser und Zeigestab

  Anna: Ist das euer Pfarrer, der da vorliest?
David: Nein, an jedem Sabbath liest ein Vorbeter aus unserer Gemeinde einen bestimmten Abschnitt aus der Tora vor. Das ist eine wichtige und ehrenvolle Aufgabe. Die Torarolle ist mit der Hand geschrieben und gilt als heilig. Niemand darf sie berühren. Ein anderer Gläubiger weist mit dem Torazeiger auf die jeweilige Stelle. Unser Rabbiner übt nur teilweise die gleichen Funktionen aus wie euer Pfarrer.
Anna: Wieso?
David: Er achtet auf die Einhaltung der Glaubensvorschriften und ist somit das religiöse Oberhaupt der Gemeinde.

Bild 17 a: Tora und Zeigestab

  Anna: Hast du auch schon einmal vorgelesen?
 
David: Nein, aber in drei Monaten werde ich dreizehn. Dann feiere ich Bar Mizwah, das heißt, ich werde religionsmündig.

Bild 18: Junge, der erstmals aus der Tora liest

  David: Da werde ich zum ersten Mal in der Synagoge zur Tora gerufen. Dann muss ich auch die religiösen Vorschriften streng befolgen. Zu Hause feiern wir an diesem Tag ein großes Fest.

Seite 3   Text der TBS

Bild 19: Beschneidungsstuhl

  David: Alle jüdischen Buben werden am achten Tag nach ihrer Geburt beschnitten, das heißt, die Vorhaut am Glied wird in einer religiösen Feier abgetrennt.

Bild 20: Beschneidung

  Bei der Beschneidungsfeier erhält der Junge auch seinen Namen.
Anna: Und die Mädchen?
David: Ihr erhaltet euren Namen meist am ersten Sabbath nach der Geburt in der Synagoge.

Bild 21: Menora

  Anna: Sicherlich hat dieser schöne Kerzenleuchter auch eine besondere Bedeutung.
  David: Ja, er heißt Menora und ist ein wichtiges Zeichen, ein Symbol unserer Religion.
  Anna: Wann werden denn die Kerzen angezündet?
  David: Bei jedem Gottesdienst und natürlich bei unseren Festen.
  Anna: Gibt es bei euch auch so etwas wie unser Ostern oder Pfingsten?
  David: Klar! Den Versöhnungstag, Jom Kippur. Den werdet ihr Christen am besten kennen, weil ihr den Vorabendgottesdienst hier in Ichenhausen mit uns gemeinsam feiert.
  Anna: Ja, ich bin auch schon mal an dem Fest auf den Balustraden gesessen.
  David: Dieses Fest ist der Höhepunkt von 10 Bußtagen. Egal, was der Mensch an Fehlern oder Irrtümern begangen hat, wenn er bereit ist, sich zu ändern, wird ihm verziehen.
  Außerdem feiern wir das Neujahrfest, das Laubhüttenfest, Purim, Passah oder Pessach und das Wochenfest.
  Passah feiern wir zum Gedenken an die Befreiung unseres Volkes aus der ägyptischen Gefangenschaft vor etwa 4000 Jahren.

Bild 21 a: Juden in ägyptischer Gefangenschaft                     Bild 22: Eine Familie sitzt am festlich gedeckten Tisch

  David: Das Fest dauert insgesamt sieben Tage, aber der erste Abend ist der Höhepunkt, vor allem für uns Kinder. Zuerst wird der Tisch besonders festlich gedeckt, mit dem besten Geschirr, das nur für diesen Tag bestimmt ist. Auf einer großen, kostbaren Schüssel liegen das ungesäuerte Mazzenbrot, Kräuter und Gefäße mit Salzwasser und einem Brei aus Zimt, geriebenen Äpfeln und Nüssen.

Bild 23: Sederschüssel

  David: Von allem wird ein bisschen gegessen, dann darf ich als jüngstes Kind den Vater fragen: Wodurch unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten? Warum essen wir bittere Kräuter und ungesäuertes Brot?“
Der Vater und alle anderen antworten: „Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten. Aber der Herr, unser Gott, führte uns heraus mit starker Hand.

Bild 24: Familie am Tisch mit Rolle

  David: Wenn Vater die Geschichte erzählt hat, beten und singen wir.

Bild 25: Gitter

  Anna: Wozu sind eigentlich diese Gitter da?
David: Sie dienen als Trennwände. Früher war der Platz der Frauen in der Synagoge hinter den Männern, getrennt durch einen Vorhang oder ein Gitter. Sie konnten aber auch auf der Empore sitzen, wenn es eine gab. Die Männer saßen vorne, lasen aus der Tora vor und beteten gemeinsam.

Bild 25 a: Blick durch das Gitter    

  Anna: Dann gelten Frauen in eurem Glauben also weniger als Männer?
 David: Nein! Die Trennung in der Synagoge stammt aus uralter Zeit. Die Frauen waren bei uns schon immer gleichberechtigt. Nur der gilt von Geburt an als Jude, der eine jüdische Mutter hat. Daran erkennst du die Bedeutung der jüdischen Frau. Sie ist auch für die Einhaltung der Speisegesetze verantwortlich.  

Seite 4   Text der TBS

Bild 26: Speisegesetze (Talmud)

  Anna: Ach ja, ihr dürft ja kein Schweinefleisch essen.
 David: Das ist aber nur eine von vielen solcher Vorschriften.
 Überhaupt ist unser ganzes Leben durch Gesetze geregelt, z. B.  ...

Bild 27: Synagoge

  Anna: Du ich glaube, du hast mir jetzt sehr viel erzählt über eure Religion und die Synagoge.
  David: Wenn du Lust hast, zeige ich dir ein andermal unseren Friedhof an der Krumbacher Straße.

Teil 3

Bild 28a / 28 b/ 28 c/ 28 d: Jüdischer Friedhof

  Wie die Nacht zum Tag, so selbstverständlich gehört für den Juden der Tod zum Leben. Fehlender Blumenschmuck und einfache Grabmäler sollen bezeugen, dass im Tod alle Menschen gleich sind.

Bild 29: Grabmal

  Mit kleinen Steinchen auf dem Grabmal ehren die Friedhofsbesucher die Toten. Auf dem Friedhof im Süden der Stadt Ichenhausen haben in mehr als 400 Jahren um die 8000 jüdische Mitbürger ihre Ruhestätte gefunden. Die letzte Beerdigung innerhalb der jüdischen Gemeinde fand im Jahr 1942 statt.

Ein Jahr später gab es in Ichenhausen keine jüdische Gemeinde mehr.

Bild 30: Davidstern auf Grabmal

  Ähnlich wie das Kreuz für das Christentum, ist der Davidstern ein Symbol des Judentums.

Bild 31: Jude mit Davidstern

  Nach der sogenannten Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 begann für die Juden eine furchtbare Zeit. Adolf Hitler wollte ein Deutschland ohne Juden schaffen. So wurden viele Verordnungen und Gesetze erlassen, die den Juden das Leben immer unerträglicher werden ließen.

Sie durften bestimmte Berufe nicht mehr ausüben, kein öffentliches Theater oder Kino besuchen, keinen Führerschein erwerben und vieles mehr.

Bild 32: Zeitungsmeldung vom 22.11.1939

  Folgende Verordnung aus dem Jahr 1939 ist in der Krumbacher Tageszeitung nachzulesen:

„Juden dürfen sich in der Öffentlichkeit an den Samstagen und Sonntagen überhaupt nicht, an den sonstigen Wochentagen nicht nach fünf Uhr nachmittags zeigen.“  Um gleich als solcher erkannt zu werden, musste jeder Jude deutlich sichtbar den Davidstern als Zeichen weiterer  Diskriminierung auf der Kleidung tragen.

Bild 33: Reichskristallnacht“  - Feuer

  Am 7. November 1938 schoss in Paris der 17-jährige Jude Herschel Grünszpan den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath nieder, der kurz darauf verstarb. Daraufhin wurde angeordnet:

„Jüdische Synagogen sind anzuzünden und jüdische Geschäfte und Wohnungen sind zu zerstören!“ 

Dies geschah in der sogenannten „Reichskristallnacht“, der „Nacht des Verderbens“ vom 9. auf den 10. November 1938.

Bild 34: Verwüstungen  

  Auch in Ichenhausen soll im Innenraum der Synagoge Feuer gelegt worden sein, das aber von Nachbarn und Mitgliedern der Feuerwehr schnell gelöscht werden konnte. Fensterscheiben wurden eingeschlagen, der Innenraum verwüstet. Jüdische Frauen wurden gezwungen, die Scherben zu beseitigen und sogar die heiligen Torarollen zu zerreißen.

Seite 5   Text der TBS

Bild 35: Juden wandern aus

  Unmittelbar darauf verließen einige jüdische Mitbürger ihren Heimatort Ichenhausen. Sie wanderten aus Deutschland aus und konnten so ihr Leben retten.

Bild 36: Lager

  Über hundert Juden, die sich noch in der Stadt befanden, wurden in den Jahren 1942 und 1943 mit Eisenbahnwaggons nach Piaski, Theresienstadt und in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt.

Nur ganz wenige überlebten.

Teil 4

Bild 37 a  und  Bild 37 b: Feuerwehrhaus - Innenansicht

  1958 wurde die leerstehende Synagoge zu einem Feuerwehrhaus umgebaut. Dadurch blieb sie der Stadt und uns als Denkmal erhalten.

Bild 38 a und Bild 38 b: Renovierung

  Durch die Initiative von Landrat Dr. Georg Simnacher, Bezirksrat Moritz Schmid und Bürgermeister Walfred Kuhn begann man im Jahr 1985, das Bauwerk zu renovieren.

Bild 39: Ehemalige Synagoge bei der Einweihung

  Am 4. Dezember 1987 fand die feierliche Eröffnung der Synagoge Ichenhausen als Haus der Begegnung“ statt.

Bild 40: Synagoge - Außenansicht                                        Bild 41: Türe offen mit Inschrift

  Alle Menschen sind in die Synagoge eingeladen. Sie soll uns erinnern - sie soll uns mahnen - sie soll uns offen machen für andere Menschen - gleich welcher Hautfarbe, gleich welcher Religion und gleich welchem Volk sie angehören.

Durch diesen Eingang zu Gott sollen Rechtschaffene und Ehrliche eintreten.“

Bild 42: Stern                                                                                                                                      Musk: „Tochter Zion“

 


Informationen
zur Tonbildschau
der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG)                       
in Zusammenarbeit mit dem Kreisarchiv,
der Stiftung ehemalige Synagoge und dem
Landratsamt Günzburg


Erstaufführung 1989 (seitdem ca. 15.500 Zuschauer)  – Inhaltliche und technische Überarbeitung 2002

 

1989  Autoren: Hermann Hornung, Karl Landherr (Idee und Projektleitung), Joseph Reichensperger, Ursula und Herbert Seitz (Bilder), Klaus Völker (Produktion)

2002  Inhaltliche Überarbeitung: Prof. Dr. Georg Kreuzer, Karl Landherr, Angela Rausch   -   Koordination: Klaus Seybold   -   Sprecher: Eberhard Neubronner, Johanna Eberhardt, Dominik Fabinger Bilder: Herbert Seitz, Reisensburg   -   Produktion, Musik und Technik: Klaus Völker, Ichenhausen

Dauer der TBS: 20 Min – Projektion auf Großleinwand in der ehemaligen Synagoge

 

Weitere Medien zur TBS: Infoblatt für Lehrkräfte zur Erkundung – Arbeitsblatt für Schüler ab der 4. Jgst. Farbfoliensatz – Videokassette und CD-ROM der TBS (Texte und Bilder auch im Internet unter www.keg-schwaben.de und unter  www.landkreis-guenzburg.de

Bestellung der Medien beim Landratsamt 89312 GZ (Herr Seybold, Tel. 08221/95-158  Fax: 95- 440)

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