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| SPD-Ortsverein
Dillingen a. d. Donau - Des Ortsverein vor 1945- |
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| Vorgeschichte |
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Am 23. Mai 1863 wird in Leipzig der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein (ADAV) gegründet; es ist die Geburtsstunde
der Sozialdemokratischen Partei.
Die ersten Ansätze der organisierten Arbeiterbewegung reichen
auch in Bayern in die Jahre der >Bürgerlichen Revolution< von
1848 zurück. Am 27. Juni 1892 findet bei Regensburg der 1.
Parteitag der bayerischen Sozialdemokraten statt. Während sich die
Anhänger der Sozialdemokratischen Partei im Nachbarlandkreis
Günzburg bereits ab 1893 zu organisieren beginnen, dauert es in
Dillingen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Zweifellos hat es
aber auch in Dillingen vor dem Ersten Weltkrieg vereinzelt
Mitglieder und Anhänger der Sozialdemokratie gegeben, erhielt die
SPD doch bei den Wahlen 1903 im Bezirk (Landkreis) Dillingen 308
Stimmen. Das damalige Wahlrecht hat die Sozialdemokraten nicht
gerade begünstigt. Erst am 12. Januar 1919 finden erstmals
allgemeine, direkte und gleiche Wahlen zum Bayerischen Landtag
statt, wodurch sich die Wahlchancen für die Sozialdemokratie
deutlich verbessern. |
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Gründung
nach dem ersten Weltkrieg |
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Am 13.11.1918 erscheint im >Donauboten< eine
Einladung zur Gründungsversammlung einer >Ortsgruppe der
sozialdemokratischen Partei< am selben Abend im >Bayerischen
Hof< in Dillingen, zu welcher u.a. >alle alten Parteigenossen
eingeladen sind<. Ganz offensichtlich gibt es in Dillingen und
Schretzheim schon bisher vereinzelt Mitglieder der
Sozialdemokartischen Partei. So wird Josef Saur 1956 für seine
60jährige Mitgliedschaft in Schretzheim geehrt. Aus dem
>Donauboten< vom 14.11.1918 ist zu entnehmen, dass sich >45
Herren aus allen Ständen< im Ortsverein der Sozialdemokratischen
Partei zusammenfinden. Es sind dies Mitglieder aus Stadt und Umland
Dillingen.
1. Vorsitzender: Leonhard Limmer,
Feilenhauermeister
2. Vorsitzender: Franz Späth, Schuhmacher
Kassier:
Georg Jaser
Schriftführer: Josef Schreitmiller
Beisitzer:
Leonhard Hillmair, Dachdeckermeister,
Thaumiller und Nusser
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Es
ist die Zeit der Räte: der Arbeiter-Bauer- und Soldatenräte |
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Im September 1918 muss die Deutsche Reichsführung
einsehen, dass der erste Weltkrieg verloren ist. Um die Existenz der
Monarchie zu retten und die Verantwortung für den verlorenen Krieg
abzuschieben, wird am 28. Oktober 1918 das >Parlamentarische
System< eingeführt. Unter Einfluss der Mehrheitssozialisten (MSPD)
wird eine Regierung unter Max von Baden gebildet. Aber die Reformen
kommen zu spät.
Aufstände in der Hochseeflotte greifen auf das Reich über. In
der Revolution bilden sich spontan Arbeiter- und Soldatenräte, die
politische und militärische Gewalt in Deutschland übernehmen. Sie
wollen den Krieg beenden und die alte politische und militärische
Führungsschicht ablösen. Am 08. November 1918
proklamiert der
Arbeiter- und Soldatenrat in München die souveräne >Bayerische
Republik<. Ministerpräsident wird Kurt Eisner (USPD).
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Arbeiter-Bauer-
und Soldatenrat in Dillingen |
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Bereits am Samstag, 09. November 1918, wird im
Rathaussaal in Dillingen ein provisorischer Arbeiter-Bauern- und
Soldatenrat für den Bezirk Dillingen gegründet. Noch am selben Tag
erlassen die ABS-Räte eine Bekanntmachung, wonach das gesamte
Polizei- und Sicherheitspersonal im Auftrag und unter Kontrolle des
Arbeiter-Bauern- und Soldatenrates arbeite. Der Stadtmagistrat unter
Bürgermeister Degen erkennt den Arbeiter-Bauern- und Soldatenrat
noch am 9. November 1918 an, erklärt jedoch, dass die
Amtsgeschäfte unverändert von den Behörden weitergeführt werden.
Am 15.11.1918 wird ein Arbeiter-Soldaten- und Bauernrat speziell
für die Stadt Dillingen gegründet (25 Mitglieder). In diesem
wirken neben Sozialdemokratischen Vertreter aller Stände und
Parteien mit, was eine Ausnahme unter den bayerischen ABS-Räten
darstellt.
Den ABS-Rat vertreten:
1. Vors. Ludwig Tröger, Redaktionsleiter (DDP)
2. Vors. Leonhard Limmer, (SPD)
Schriftführer: Franz Renner, (SPD)
In Dillingen gibt es zu diesem Zeitpunkt zwei kommunale Gremien,
das >Gemeindekollegium< und das >Magistratskollegium<.
Es wird vereinbart, bis zur Neuwahl der Gemeindegremien diese durch
Vertreter des ABS-Rates zu erweitern. Als neue Magistratsräte werden bestimmt:
Prof. Naderer (DDP)
Leonhard Limmer (SPD)
Josef Schefenacker (BVP)
Das >Gemeindekollegium< wird um sechs Sitze erweitert:
Kleinle
Frey (Soldatenrat)
Leonhard Hillmaier (SPD)
Franz Späth (SPD)
Thaumiller (SPD)
Buchmiller Hermann
Der Vorsitzende des ABS-Rates Tröger erklärt ausdrücklich, der
ABS-Rat trage nur provisorischen Charakter und werde sich nach den
Wahlen zur Nationalversammlung von selbst wieder auflösen.
Am 01.12.1918 findet die erste sozialdemokratische
Volksversammlung in Dillingen mit dem Landtagsabgeordneten Renner im
Stiftsgartensaal statt.
Der am 29.November 1918 gegründete Ortsverband der Bayerischen
Volkspartei hält am 10. Dezember 1918 ebenfalls im Stiftsgartensaal
seine erste Versammlung ab. In dieser greift der Referent in
Anwesenheit >der herbeigeschleppten Kandidatinnen, sowie
Mitglieder der Mädchenheim- und Jungfrauenvereine <- so der >Donaubote<-
die Sozialdemokraten mit einer Brandrede an. Sogar in der Chronik
der Dillinger Franziskanerinnen ist diese Versammlung erwähnt:
>Ebenso beteiligten sich die beiden oberen Klassen der
Lehramtskandidatinnen am 10. Dezember an einem politischen Abend der
>Bayerischen Volkspartei<.. Die Rede wurde durch die zahlreich
anwesenden Gegner der Partei, die Sozialdemokraten, häufig
unterbrochen.<
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Erste
Wahlerfolge |
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Am 30.12.1918 findet die erste Frauenversammlung der
SPD in Dillingen statt, da am 12. Januar 1919 das erste Mal
allgemeine, direkte und gleiche Wahlen zum Bayerischen Landtag
stattfinden, an der sich Frauen beteiligen dürfen. Bei der
Landtagswahl am 12. Januar 1919 erringen in Dillingen die
>Mehrheitssozialdemokraten< mit ihrem Kandidaten Otto
Geiselhart 589 Stimmen, während sie in Schretzheim auf 102 Stimmen
kommen. Die Wahl zur Nationalversammlung am 19.Januar 1919 erbringt
in Dillingen für die MSPD 719 Stimmen (15%), in Schretzheim 112
Stimmen (39%). Zu einer Kraftprobe zwischen dem ABS-Rat und
Bürgermeister Degen kommt es, als dieser gegen den erklärten
Willen des ABS-Rates verhindert, dass am Tage der Beisetzung des
ermordeten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (26.02.1919)
in Dillingen die Geschäfte geschlossen werden. Am 10. März 1919
wird Bürgermeister Hofrat Degen auf Verlangen des ABS-Rates mit 26
gegen 1 Stimme zwangspensioniert. Am 16. März 1919 finden in Bayern
Wahlen zum Rätekongress statt. Dachdeckermeister Hillmair (SPD)
wird als einer der zehn Arbeiterräte aus Schwaben gewählt. Als am
07. April 1919 in München die Räterepublik ausgerufen wird,
verhält sich der Dillinger ABS-Rat abwartend. Bei einer
SPD-Volksversammlung am 08.April 1919 stimmen 300 Anwesende für die
Räterepublik, nur 5 dagegen. In einer zweiten Versammlung am 10.April 1919 ändert sich jedoch die Volksmeinung, nachdem sich der
SPD-Landtagsabgeordnete Högg, Neu-Ulm, gegen die Räterepublik
ausgesprochen hat. Auf der am 12. April 1919 im >Hofbrauhaus<
stattfindenden Generalversammlung der Dillinger SPD wird folgender
Vorstand gewählt:
1. Vorsitzender: Leonhard Hillmair, Dachdeckermeister
2. Vorsitzender: Albert Endres, Magazinarbeiter
Kassier: Josef Schreitmiller
Schriftführer: Max Gutte, Buchdruckerei-Faktor
Die Mitgliederversammlung verfasst folgende Resolution gegen die
Räte-Republik: >Die SPD Dillingen steht nach wie vor auf dem
Standpunkt der Mehrheitssozialisten und somit hinter der Regierung
Hoffmann. Der Verein hat sich weder den Spartakisten zugewendet,
noch sich der Räterepublik verschworen<. Am 15.Mai 1919 werden
die städtischen Behörden reformiert. Aus dem Zweikammersystem
Magistrat und Gemeindekollegium wird ein Stadtrat gebildet.
Gärtnermeister Josef Bold wird am 03. Juni 1919 zum 1. Vorsitzenden
des SPD-Ortsvereins Dillingen gewählt. Er bleibt es bis 1933 und
steht der Partei auch nach 1945 wieder als Vorsitzender zur
Verfügung. |
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Erstmals
Sozialdemokraten im Dillinger Stadtrat |
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Bei den Kommunalwahlen am 15. Juni 1919 geht Dr.
Robert Hertle als Bürgermeister aus der Wahl hervor. 3 von 20
Stadtratsitzen kann die SPD erringen und ist damit erstmals im
Dillinger Stadtrat vertreten. Letztmals werden mit Schreitmiller
(SPD) und Hillmair (SPD) Arbeiterräte in den Stadtrat delegiert.
Aber nach der Kommunalwahl 1919 besteht für die Tätigkeit der
ABS-Räte im Stadtrat keine rechtliche Grundlage mehr; sind nun doch
alle Stände der Stadt im Stadtrat vertreten. Als in der
Stadtratsitzung vom 13. August 1919 ein Arbeiterrat das Wort
ergreifen will, wird ihm das durch Bürgermeister Dr. Hertle
untersagt. Daraufhin tritt der Arbeiterrat im >Lamm< zu seiner
letzten Sitzung zusammen und löst sich selbst auf. |
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Die
Zeit der Weimarer Republik |
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Die junge Republik hat es nicht leicht, sich in den
Augen der Bevölkerung als die bessere Staatsform zu behaupten. Der
Versailler-Vertrag, der ein Diktat der Siegermächte ist, legt der
jungen Republik ungeheuere Opfer auf, welche von ihren Gegnern nur
allzugern den demokratischen Politikern angelastet werden. Im März
1920 sehen die Rechtskräfte wieder ihre Stunde gekommen. Doch der
Kapp-Putsch ist durch den entschlossenen Widerstand der
Arbeiterbewegung in Berlin bald zum Scheitern verurteilt. Nur in
Bayern hat der Kapp-Putsch teilweise Erfolg. Die SPD-geführte
Regierung Hoffmann wird am 14. März 1920 zum Rücktritt gezwungen
und durch das Regime Kahr ersetzt. Ein besonders trauriges Kapitel
dieser Jahre bilden die sogenannten Fememorde. An bekannten
Politikern fallen ihnen der bayerische Ministerpräsident Kurt
Eisner, Reichsfinanzminister Erzberger, der Führer der USP im
bayerischen Landtag Gareis und Reichsminister Rathenau zum Opfer.
Auch in Dillingen sind die Auswirkungen dieser unruhigen Zeit zu
spüren. Doch noch sieht Stadt und Wirtschaft die Zeichen für eine
günstige wirtschaftliche Weiterentwicklung. Der Handels- und
Gewerbeverein fordert im März 1920 den bau der Lokal-Bahn
Welden-Dillingen. Industrie- und Gewerbeansiedlungen werden in
Angriff genommen. Bereitwillig sind Stadt und Bevölkerung tätig,
um den Kriegsheimkehrern die Wiedereingleiderung zu erleichtern.
Stadt und Bevölkerung ehren am 27. März 1920 die heimkehrenden
Soldaten mit einem großen Heimkehrerfest. Doch schon greift die
allgemeine Teuerung auch in Dillingen immer mehr um sich; besonders
die Versorgung mit Milch wird sehr schlecht.
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Wahlen |
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MdL Högg, Augsburg, spricht am 29.Mai 1920 zum Thema
>Sozialdemokratie in Reich und Land<. Die Landtagswahl am 06.
Juni 1920 bringt der SPD mit ihrem Kandidaten Otto Geiselhart in
Dillingen 218 Stimmen, in Schretzheim 110 Stimmen, die USPD erzielt
167 Stimmen bzw. 6 Stimmen. Ähnlich das Ergebnis der Reichstagwahl:
SPD in Dillingen216 Stimmen, in Schretzheim 112 Stimmen; USP in
Dillingen 11 Stimmen, in Schretzheim 5 Stimmen. Ende Juni 1920 geht
das Scheiffele'sche Sägewerk seiner Vollendung entgegen. Der
Stadtrat befasst sich im Juli 1920 mit einem Antrag der Schwimmriege
des Turnvereins betreffend freien Badens in der Donau. Stadtrat
Kayser (SPD) setzt sich für eine Freibadanstalt ein. Bürgermeister
Dr. Hertle weist dagegen auf die Missstände und Unzucht hin, die
man hier leider beobachten könne. Trotzdem wird eine
Freibadeanstalt für Männer beschlossen. Mit der Bahnlinie Welden -
Dillingen will es nicht so recht vorwärtsgehen. Der Stadtrat
beschwert sich über >die Quertreibereien von Stadt und Stadtrat
Wertingen <. Auch das gibt es im Dillingen des Jahres 1920: auf
dem kleinen Exerzierplatz findet ein Pferderennen mit Flachrennen
und Preisspringen statt. Am 15. März 1921 tritt Gärtnermeister
Josef Bold nach dem Rücktritt von Stadtrat Kayser für die SPD in
den Stadtrat ein. Im März desselben Jahres wird auch in Dillingen
nach langen Debatten das 8. Knabenpflichtschuljahr eingeführt.
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Sozialdemokratische
Vereine |
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Die Jahre der Weimarer Republik sind gleichzeitig die
Blütezeiten des sozialdemokratischen Vereinswesens, auch in unserem
Landkreis. So wird am 23. Mai 1921 in der >Krone< in Dillingen
der Arbeitergesangverein >Liederlust< gegründet, später auch
noch der Arbeitersportverein >Pfeil< Dillingen. Nach nur
dreijähriger Amtszeit erklärt Bürgermeister Dr. Hertle
überraschend im Juni 1922 seinen Rücktritt, obwohl ihm der
Stadtrat ausdrücklich das Vertrauen ausspricht. Dr. Hertle
begründet seinen spektakulären Schritt insbesondere mit Angriffen
aus der Geschäftswelt und Industrie, er interessiere sich zu wenig
für Handel und Gewerbe. Als sein Nachfolger wird dann am 22.
Oktober 1922 Dr. Hogen gewählt, der bis 1945 im Amt bleibt.
Die Entscheidung der Firma Mengele - Günzburg, sich in Dillingen
unter der Firma AG Eisenwerk Dillingen in der großen Reithalle
anzusiedeln, wird vom Stadtrat freudig begrüßt. Am 24. Juni 1922
wird Walther Rathenau, der Außenminister der jungen Republik, von
Rechtsradikalen ermordet. SPD und Freie Gewerkschaft veranstalten am
27. Juni 1922 in Dillingen ein Protestkundgebung und rufen zum
Schutz der Republik auf. Mit Genugtuung nehmen die Dillinger
Sozialdemokraten die Wiedervereinigung von MSPD und USPD auf dem
Nürnberger Parteitag vom 19.09.1922 auf.
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Die
Inflationsjahre |
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Im Jahr 1922 beginnt die Inflation zu galoppieren. Im
Oktober 1922 hat der Dollar einen Gegenwert von 3.000,- RM, Ende
Dezember 1922 sogar schon einen von 8.000,- Mark. Die Entschädigung
der Stadträte wird von 200,- auf 2.000,- Mark erhöht; ein Bogen
Papier kostet zwischenzeitlich 22,- RM. Doch die schlimmsten
wirtschaftlichen Zeiten stehen auch den Dillinger Bürgern noch
bevor. Trotzdem verlieren Stadtrat und Bevölkerung nicht ihre
Hoffnung auf eine bessere Zukunft. So wird Ende Oktober 1922 mit dem
Bau einer neuen Donaubrücke begonnen (Bauzeit bis Mai 1924).
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Notzeiten |
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das Jahr 1923 steht ganz im Zeichen der materiellen
Not, die durch den Ruhrkampf und die galoppierende Inflation
hervorgerufen wird. Während auf dem Ulrichsplatz mit einer
vaterländischen rede gegen den Einmarsch der Franzosen im
Ruhrgebiet protestiert wird, tragen alle Bevölkerungsschichten zur
Ruhrspendebei, selbst die Arbeiter des Eisenwerkes verzichten auf
einen Stundenlohn, um den notleidenden Menschen zu helfen. Kinder
aus den besetzten Gebieten werden in Dillingen in Pflege genommen.
Im Laufe des Jahres werden wegen des Generalstreiks im Ruhrgebiet
die Kohlen immer knapper, so dass auch die der Personenzüge auf der
Donaustrecke eingeschränkt werden muss. Die ungenügende Versorgung
der Dillinger mit Kartoffeln beschäftigt den Stadtrat; erst als
einige Wochen danach ein Waggon Karoffeln eintrifft, ist die
schlimmste Not abgewendet.
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Hilfsmassnahmen |
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Viel Dillinger versuchen sich durch Hamstern im
ländlichen Umland mit den nötigsten Lebensmitteln einzudecken,
andere versorgen sich auf den Feldern auf direktem Wege selbst mit
Früchten, was zur Folge hat, dass die Bauern ihre Äcker nachts
bewachen. Durch Erwerbslosigkeit, Mangelkrankheiten und Kurzarbeit
verschärft sich die Situation für die ärmeren Einwohner der
Stadt. Die zunehmende Inflation mit ihrer Papiergeldflut stellt die
Geldinstitute und die Post vor besondere Probleme, zum Zählen und
Ordnen der Geldscheine müssen zusätzliche Arbeitskräfte
eingestellt werden. Als auch diese Geldscheine nicht mehr
ausreichen, führt Dillingen städtisches Notgeld ein, und die
Schwäbische Donau-Zeitung liefert gegen Naturalien. Eine eigene
städtische >Hockersteuer< für die Zeit nach der
Polizeistunde soll die Stadtkasse auffüllen. Die SPD führt im
Laufe des Jahres drei Ortsvereinsversammlungen durch, und der im Mai
1921 von SPD-Mitglieder gegründete Arbeitergesangverein
>Liedeslust< beteiligt sich am Gausängertag. Am Ende des
Jahres ist trotz der Rentenmark die Not groß, vor allem sind die
kleinen und mittleren Rentner total verarmt. Allmählich lässt im
Laufe des Jahre 1924 die unmittelbare Not nach, daher können das
Versorgungsamt und die Ortskohlenstelle aufgelöst werden, das
Notgeld wird wieder eingezogen. Unterernährten Schülern wird eine
Schülerspeisung gewährt, und die Caritas eröffnet eine
Suppenküche.
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Konsum-
und Sparverein Dillingen |
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Als gegen Ende des Ersten Weltkrieges wegen der
schlechten Versorgungslage die Zwangsbewirtschaftung eingeführt
wurde, wurden mit deren Durchführung auf örtlicher Ebene die
Kommunalverbände beauftragt. Zur Verbesserung der
Versorgungsmöglichkeiten schließen sich auch in Dillingen Bürger
in einem >Konsumverein< zusammen, welcher sich zur Aufgabe
macht, für seine Mitglieder Nahrungsmittel zu günstigen
Bedingungen zur Verfügung zu stellen (21.07.1919).
Geschäftsführer wird der Sozialdemokrat Max Gutte. Der Antrag des
Konsumvereins, in welchem sich im November 1919 bereits 600
Dillingen Familien zusammengeschlossen hatten, ihn in den
Kommunalverband aufzunehmen, wir vom Stadtrat abgelehnt. Der
Konsumverein der kleinen Leute soll offensichtlich abgeblockt
werden. Ab 01. November 1919 wird dann der Konsumverein doch mit
Butter und Mehl beliefert. Die Ernährungssituation schildert
Bürgermeister Dr. Hertle im November 1919 so: >Die
Ernährungslage ist trostlos. Das Brot reicht kaum bis März. Die
Milchablieferungen in Dillingen sind in den letzten Monaten um 40%
zurückgegangen<. Erst am 29. Juli 1920 gibt die Regierung dem
Kommunal-Verband den Auftrag, den Konsumverein als Großhändler
anzuerkennen. Ein Antrag des Konsumvereins, eine Brotniederlage zu
errichten, um das Brot unter dem Höchstpreis abzugeben, wir von der
Bäckerinnung verhindert. Wie notwendig die Aktivitäten des
Konsumvereins sind, ergibt sich daraus, dass 1921 die Stadt
Dillingen ein städtisches Hilfswerk für Minderbemittelte ins Leben
ruft, um die Not der Bevölkerungsgruppe abzumildern.
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Wahlen |
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Das Jahr 1924 ist vor allem ein Wahljahr. Im April
wird der Bayerische Landtag gewählt, im Mai folgt die
Reichstagswahl, im Dezember muß der Stadtrat in Dillingen und
erneut der Reichstag gewählt werden. Dementsprechend aktiv ist auch
die Sozialdemokratische Partei: Am 31. März wird eine
Wahlversammlung mit dem Reichtagsabgeordneten Schilling-Chemnitz
durchgeführt, am 4. Mai spricht in Dillingen das Mitglied des
Bayerischen Landtags Unterleitner und zur Dezemberwahl Hans
Gasteiger. Bei den Landtagswahlen kann sich die SPD geringfügig auf
17,2% der Stimmen steigern. Schwaben ist mit zwei
sozialdemokratischen Abgeordneten (BM Ackermann, Augsburg; Högg,
Augsburg) repräsentiert. Ebenfalls zwei Abgeordnete (Auer und
Simon) kann der Wahlkreis Oberbayern-Schwaben in den Reichtag
entsenden. Die Dillinger Wähler entscheiden sich mit etwa 10% der
Stimmen für die SPD im Gegensatz zu Schretzheim, wo knapp 41% SPD
wählen und damit die Bayerische Volkspartei, die sonst überall
führend ist, auf den zweiten Platz verweisen. Im
>Lamm-Keller< findet im Juni die erste nationalsozialistische
Versammlung in Dillingen statt. Die Gemeinderatswahl im Dezember
zeigt wieder das übliche Bild: nur rund 10% der Wähler geben den
SPD-Kandidaten ihre Stimmen. Das Jahr klingt aus mit der
Weihnachtsfeier des Deutschen Textilarbeiter-Verbandes Filiale
Schretzheim (Vorstand: Alois Burghart), den die Schretzheimer
Chronik bereits 1919 >sozialistisch ausgerichtet< nennt, im
>Lamm-Keller<. Zum Gelingen des Feste trägt der
Arbeitergesangsverein >Liedeslust< bei, und der Konsumverein
stiftet zur Kinderbescherung einen Weihnachtsbaum mit hübschen
Geschenken.
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Reichspräsidentenwahl
und Reichsbanner |
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1925 steht nach dem Tode des sozialdemokratischen
Reichspräsidenten Friedrich Ebert erneut ein Wahlkampf bevor. Am
22. März wirbt der Arbeitssekretär Max Peschel aus München in
einer Versammlung für den Kandidaten der Sozialdemokraten, Braun.
Dieser bekommt in Dillingen rund 12% der Stimmen gegenüber den 65%
für den Kandidaten der BVP, Held. Da aber keiner der Bewerber um
das Amt des Reichspräsidenten die nötige Mehrheit bekommen hat,
muss ein zweiter Wahlgang durchgeführt werden. Die Parteien der
Weimarer Koalition (Zentrum, SPD, DDP) präsentieren diesmal den
Zentrumspolitiker Wilhelm Marx, der dem Kandidaten der
Konservativen, Paul von Hindenburg, jedoch knapp unterliegt. Trotz
einer Versammlung am Vorabend der Wahl bringt es Marx in Dillingen
nur auf 34% der Stimmen. Bemerkenswert ist es jedoch, dass in dieser
Versammlung am 25. April zum erstenmal zur Gründung des
>Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold< aufgerufen wird. Das
>Reichsbanner< ist als Wehrverband der zur Verteidigung der
Weimarer Republik entschlossenen Parteien und Gruppen geplant und
bildet später 1932 zusammen mit den freien Gewerkschaften die
>Eiserne Front<. Besonders Sozialdemokraten arbeiten an diesen
Verbänden mit.
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Wirtschaftlicher
Aufschwung |
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Inzwischen häufen sich die Anzeichen einer
wirtschaftlichen Besserung. Zwar werden immer noch 75 Kinder mit den
Mitteln der Amerikaspende gespeist, aber die >Baugenossenschaft
Dillingen< hat bereits 73 Mitglieder. Als Freizeitgestaltung wird
der Ski-Sport eingeführt, in Dillingen zählt man 15 Skifahrer. Da
die DNVP erfolgreich die letztjährige Stadtratswahl angefochten
hat, wird diese als ungültig erklärt, und die Dillinger müssen im
Dezember 1925 siebtenmal in gut eineinhalb Jahren wählen. Erstmal
stellen auch Klein- und Sozialrentner selbst Kandidaten auf. Bei
relativ geringer Wahlbeteiligung verlieren die Sozialdemokraten am
12. Dezember einen Stadtratssitz. Der politischen Beruhgung der
mittleren Zwanzigerjahre folgt auch die Verbesserung der
wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Das äussert sich in
reger Bautätigkeit im Osten Dillingens, die Stadt lässt das
Mittlere Tor umbauen, um es den Verkehrsverhältnissen anzupassen,
die Kapuzienerstrasse wird asphaltiert, eine Damenbadeanstalt wird
eingerichtet, und der Verschönerungsverein legt am Platz der alten
Donaubrücke eine kleine Anlage an. Die Zahl der Arbeitslosen geht
in Dillingen bis 1928 auf 47 zurück, allerdings verzeichnet die
Chronik einige Auswanderungen in die USA und nach Kanada. Schlecht
geht es immer noch den Kleinrentnern, die im Dezember 1926 eine
Protestversammlung durchführen, auf der Frau Dr. Renz über die
Lage der Sozial- und Kleinrentner spricht. Sie verlangt dabei ein
Reichsgesetz zur Versorgung, um aus der Fürsorge herauszukommen. In
Dillingen werden immer noch 92 Hauptunterstützungsempfänger
gezählt.
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Überraschende
Wahlerfolge |
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Im Januar 1926 führt die Bezirksgruppe der Donautal
des >Reichsbanners< in Schretzheim eine Versammlung durch.
Bezirksführer Lange (Dillingen) gibt die Zahl der Mitglieder mit
153 an. Der Arbeitergesangsverein feiert im Hofbräuhaus Fasching.
Am reichhaltigen Programm wirken u.a. Ketterl, Ulmer, Durner sen.
und jr., Scholz, Schmid und Wagner mit. Die Wahlen des Jahres 1928
bringen der Sozialdemokratischen Partei Deutschland insgesamt
erfreuliche Gewinne. In Dillingen pendelt sich der Anteil auf etwa
12% ein, während in Schretzheim mit knapp 54% die absolute Mehrheit
erreicht wird. Auf einer Versammlung zur Reichstagswahl am 05. Mai
spricht Major Mayer aus München. Vier SPD-Abgeordnete (Saenger,
Simon, Unterleitner, Frau Weich) können den Wahlkreis
Oberbayern-Schwaben im Reichstag vertreten. Insgesamt nimmt die Zahl
der SPD-Abgeordneten im Vergleich zu 1924 um 49 zu. In der
Landtagswahl dieses Jahres ist die SPD der Hauptgewinner - die
Stimmzahl in Bayern steigt von etwa 500.000 auf 800.000 an - und in
der Bezirks-(Kreis)tagswahl (Kandidat u.a. Michael Durner aus
Schretzheim) erringen die Sozialdemokraten sieben Sitze. Da man nur
fünf Kandidaten aufgestellt hat, müssen noch zwei nachnominiert
werden. Bedrohliches wird aus München gemeldet, wo eine Versammlung
mit Reichsaußenminister Gustav Stresemann abgebrochen werden muss,
da sie von Nationalsozialisten gestört wird.
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Erneute
Wirtschaftskrise |
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Die wirtschaftliche Not, die in den späten Zwanziger-
und frühen Dreißigerjahren dem Nationalsozialismus zum Durchbruch
verhilft, macht sich in Dillingen nur zögernd bemerkbar. Zu Beginn
des Jahres 1929 wird zu Spenden für den Krankenhausneubau
aufgerufen, im Osten und Westen der Stadt werden neue Häuser
errichtet, und noch im April 1930 wird neues Baugelände im Osten
Dillingens erschlossen. der Rundfunk setzt sich allmählich durch,
ein Auto von Siemens und Halske wirbt mit einem öffentlichen
Radiokonzert auf der Starsse. Doch schon machen Sammlungen für die
Winterhilfe, der Kampf gegen die Wohnungszwangswirtschaft und die
Einführung von Notsteuern wie Bürger-, Bier- und Getränkesteuer
im Dezember 1930 auf die sich anbahnende Notlage aufmerksam. Schon
wirbt die >Neudeutsche Jugend< um Mitglieder, und die NSDAP
gründet am 23. November 1930 in Dillingen eine Ortsgruppe, während
es in Schretzheim erst am 29. März 1933 zu einer solchen Gründung
kommt. In der Gemeinderatswahl vom 09. Dezember 1929 ist davon noch
nichts zu merken gewesen. Nach dem Einbruch von 1925 können die
Sozialdemokraten im Gemeindeparlament wieder zwei Mitglieder
stellen.
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Wahlkampf
gegen die NSDAP |
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Im Reich bringt die Wahl vom 14. September 1930 den
Durchbruch für die Nationalsozialisten. Ihre Mandate steigen
sensationell von 12 auf 107 an, wovon 25 Abgeordnete aus Bayern
kommen. Auch in Dillingen bereiten sich die Parteien auf diese Wahl
vor. Die SPD führt im Gasthaus Linseisen in Schretzheim mit sehr
guter Beteiligung eine Wahlkundgebung durch. Die Referentin Klara
Weich, Reichtagsabgeordnete Aus München, lockt viele Frauen an.
Besonders ausführlich geht sie in ihrer Rede auf das Übel der
Arbeitslosigkeit ein und fordert eine ungekürzte Aufrechterhaltung
der Arbeitslosenversicherung. Sie macht dabei deutlich, dass sich
die Arbeitslosigkeit nicht auf Deutschland beschränkt, sondern
durch die allgemein schlechte Wirtschaftlage bedingt sei. In ihren
innerpolitischen Ausführungen klagt sie vor allem die Anwendung des
Notverordnungsrechtes durch den Reichspräsidenten an und bezeichnet
dies als eine Art von Diktatur. Auch die Wahlversammlung in
Dillingen mit dem Redner Högg, Augsburg ist sehr gut besucht. Das
Wahlergebnis kommt in Dillingen einem Erdrutsch gleich. Der Anteil
der Nationalsozialisten steigt von rund 2% auf etwa 15% und
übertrifft damit erstmals den der SPD. Auch die Bayerische
Volkspartei muß Einbusen hinnehmen, behält aber mit etwa 58% die
absolute Mehrheit, so wie in Schretzheim die SPD mit gut 51%.
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Folgen
der Weltwirtschaftskrise |
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Erst im Jahr 1931treten in Dillingen gehäuft
Erscheinungen auf, die zeigen, dass die Folgen der
Weltwirtschaftskrise sich jetzt stark bemerkbar machen. So muss ein
Aufruf erlassen werden, der im Februar und März 46 Kinder in den
Genuss eines freien Mittagstisches (u.a. auch bei SPD-Stadtrat
Handschuh) bringt. 33 jugendliche Arbeitslose werden der
gewerblichen Fortbildungsschule als Gastschüler eingereiht. Die Not
der Arbeitslosigkeit zeigt sich auch darin, dass auf die erledigte
Friedhofswärterstelle 49 und auf die freigewordene Schutzmannstelle
59 Bewerbungsgesuche eingehen. Mitte des Jahres stellt eine
Statistik fest, dass knapp der hälfte der Dillinger Einwohner das
amtliche Existenzminimum von 1200 Reichsmark Jahreseinkommen fehle.
Banken und Sparkassen müssen geschlossen werden, und zur Linderung
der not der Arbeitslosen und alten Kleinrentner wird ein Aufruf
erlassen. Nur private Fürsorge kann die schlimmste Not lindern. Die
Stadt sucht das Bettlerunwesen durch den Verkauf von
Fürsorgegutscheinen in geregelte Bahnen zu lenken. Aber noch
können in Dillingen 65 Personenkraftwagen, 55 Krafträder, 22
Lastkraftwagen und 5 Zugmaschinen betrieben werden. Im Norden der
Altstadt führt seit kurzer Zeit die Reichsfernstrasse 16 durch
Dillingen, was sicherlich in geordneteren Zeiten einen
wirtschaftlichen Aufschwung bedeutet hätte. Die Stadt selbst sucht
im Januar 1932 durch die Verdoppelung der Bürgersteuer und durch
Kürzung der Gehälter für die Gemeindebeamten die Finanzlage zu
verbessern. Die damalige Misere nutzt die Nationalsozialistische
Partei, die am 01. Februar 1932 im vollbesetzten Lamm-Keller eine
Versammlung abhält, um der Bevölkerung Abhilfe zu versprechen.
Tatsächlich halten viele Notleidende sie für die einzige Partei,
die ihre verzweifelte Lage bessern kann. Die nun anstehende
Reichspräsidentenwahl, zu der auch Hitler kandidiert, muss
Aufschluss über die Volksstimmung geben.
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Hindenburg
als letzte Rettung |
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Die Reichspräsidentenwahl muss im März und April
1932 wiederum in zwei Wahlgängen durchgeführt werden. Weit über
dem Reichsdurchschnitt erringt in Dillingen Hindenburg, der
gemeinsame Kandidat der bürgerlichen Parteien und der
Sozialdemokraten, in beiden Wahlgängen über Dreiviertel der
Stimmen, in Schretzheim sogar fast 90% (Reich: 49,6 bzw. 53 %). Der
Stimmanteil Hitlers hält sich noch in Grenzen. Mit etwa 20% (Schretzheim
10%) der Stimmen liegt er um 10 bis 15% unter dem Ergebnis im Reich.
Aber es ist schon die gemeinsame Anstrengung aller demokratischer
Kräfte notwendig, um Hitler von einem Staatsamt fernzuhalten.
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Landtagswahl
1932 |
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Zur Landtagswahl am 24. April 1932 treten die Parteien
wieder getrennt an. Für die schwäbische SPD kandidiert unter
anderem Josef Felder, Mitglied der sozialdemokratischen
Reichstagsfraktion, die im März 1933 gegen stärksten Widerstand
mit großem Mut als einzige parlamentarische Gruppierung geschlossen
das Ermächtigungsgesetz Hitlers abgelehnt hat. In Dillingen wirbt
Edith Hoereth am 18. April auf einer SPD-Wahlversammlung mit der
für das damalige parlamentarische Leben typischen Fragestellung:
>Praktische Arbeit oder Krawallpolitik im Landtag?< Trotzdem
bringt der Wahlausgang vor allem Verluste für die Sozialdemokraten.
Allein in Dillingen müssen sie mit rund 7% ein enttäuschendes
Ergebnis hinnehmen, und auch in der Schretzheimer Hochburg erreichen
sie mit nur 39% bei weitem nicht die guten Erfolge der vergangenen
Jahre.
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Arbeitslosigkeit
und Massenelend |
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Das Frühjahr 1932 ist vor allem überschattet von der
Arbeitslosigkeit, die zum Massenelend führt. Trotzdem zeigen sowohl
der Arbeitersportverein, der sich seit dem 23. Februar Sportklub
>Pfeil< nennt, wie auch der Gesangsverein >Liedeslust<
erfreuliche Aktivitäten. Der Leiter des Arbeitergesangsvereins
Lehrer Handschuh tritt bei der Gauversammlung des Donaugaus des
Schwäbisch-Bayerischen Sängerbundes am 20. März als Gaukassier in
Erscheinung, die Sänger beteiligen sich am 16. April an einem
großen Wohltätigkeitskonzert aller Dillinger Gesangsvereine
zugunsten der der Nothilfe Dillingen. Der damals beträchtliche
Reinerlös von 625 Mark kommt den notleidenden Dillinger Bürgern
zugute. Doch all das ist in der damaligen Situation nur ein Tropfen
auf den heißen Stein. In der sonst so sachlichen >Chronik von
Dillingen< von Klemens Mengele finden wir für den Juni 1932 eine
resignierende Schilderung der Verhältnisse: >Der verlorene
Krieg, die verbrecherische Inflation wirken sich nun verheerend auf
die ehemals blühende Industrie, die Geschäfts- und Bürgerwelt und
die Landwirte aus. Eine schlechte Zeit ist angebrochen. Unerhört
hohe, unerschwingliche, wucherische Zinsen drücken hemmend auf die
meisten Unternehmen. Unheimliche Gerüchte von bevorstehenden
Zusammenbrüchen kursieren. Die Geschäfte schleppen sich mühselig
durch diese Zeit. Eine Geldaufnahme um die andere muss bevorstehende
Katastrophen hinausschieben. Ein Zusammenlegen der Industrieaktien
allerseits. Gleichzeitig sinkt auch der Haus- und Grundwert.< Als
auch der Sommer keine nennenswerte Verbesserung der Verhältnisse
bringt, herrscht vielfach Verzweiflung unter den Armen, die nun von
verschiedenen Dillinger Anstalten Speisungskarten ausgehändigt
bekommen, damit Missbrauch ausgeschlossen wird.
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Niedergang
der Demokratie |
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Die Nationalsozialisten sehen jetzt ihre Chancen
steigen. Auf ihre Forderung hin muss der neue Reichskanzler Franz
von Papen den Reichstag auflösen und zum 31. Juli Neuwahlen
ansetzen. Ihre Rechnung geht auf. In Dillingen wählen 614 Bürger,
das sind rund 20% der zur Wahl gehenden, die NSDAP, während die SPD
gegenüber der letzten Reichstagswahl rund 3% verliert unter unter
10% absinkt (304 Wähler). Rund 10% der Schretzheimer wählen NSDAP.
Im Reich zerfällt zusehends die Demokratie. In Preußen übernimmt
der Reichskanzler das Amt des Reichskommissars und setzt die
rechtmäßige Regierung der Weimarer Koalition unter dem
SPD-Ministerpräsidenten Braun ab, auf der Strasse herrschen unter
dem SA-Terror Mord und Totschlag. Ein organisierter Widerstand der
Arbeiterschaft ist bei insgesamt rund 6 Millionen Arbeitslosen nicht
möglich. Verstärkt wird die Machtlosigkeit durch den Kampf der
Kommunisten gegen die als >Sozialfaschisten< diffamierten
Sozialdemokraten. Die Reichsregierung kann sich nur noch durch
Notverordnungen Hindenburgs halten. Als von Papen die Aufhebung
einer Notverordnung durch den Reichstag droht, sucht er sich durch
dessen Auflösung zu retten und stürzt damit das deutsche Volk in
einen erneuten Wahlkampf. Am 6.November zeigt sich, dass die
Nationalsozialisten ihren Höhepunkt bereits überschritten haben:
Überall im Reich erleiden sie leichte Verluste, und auch in
Dillingen geht ihr Anteil auf gut 15% zurück (in Schretzheim auf
rund 10%). Die SPD kann nur geringfügig Boden gut machen und bleibt
unter 10%. Hauptgewinner ist im Reich die Kommunistische Partei, die
auch in Dillingen 83 Anhänger findet.
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Hitler
an der Macht |
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Eine demokratische Regierung lässt sich mit dem neuen
Reichstag genauso wenig bilden wie mit dem bisherigen. Und da auch
die wirtschaftliche Not trotz Winterhilfe und
Arbeitsbeschaffungsplänen nicht wesentlich geringer wird,
andererseits General von Schleicher als Reichskanzler scheitert,
gibt Reichspräsident von Hindenburg seinen Wiederstand gegen Hitler
auf und beruft ihn am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler. Mit Hilfe
von Notverordnungen, Terrormaßnahmen des SA und Inhaftierung
politischer Gegner versucht Hitler, jeden Widerstand auszuschalten.
Auf diese Weise glaubt er, in einer erneuten - der letzten noch
einigermaßen freien - Reichstagswahl für seine Partei die absolute
Mehrheit zu gewinnen. Zwar erfüllt sich diese Hoffnung nicht, denn
56% aller deutschen Wähler geben nicht den Nationalsozialisten ihre
Stimme. Aber Resignation und Angst vor Repressionen vermindern den
Anteil der demokratischen Parteien beträchtlich. Über tausend
Wähler in Dillingen, 116 in Schretzheim geben der Partei Hitlers am
05. März ihre Stimme, die SPD verliert in der Stadt Dillingen 74
Anhänger. Die Schretzheimer Chronik stellt fest, dass zur Märzwahl
kein nationalsozialistischer Wahlkampf stattgefunden habe,>...die
politische Machtergreifung Hitlers am 30.Januar 1933 stärkte bei
vielen Mut und Hoffnung .. Zusammen mit den D. N.
(Deutschnationalen) hat Hitler die Mehrheit des Volkes hinter sich.
Nun gilt es, die Ruhe im Lande aufrechtzuerhalten und die Absicht
der Gegner zu vereiteln. Die Führer des >Reichsbanners< und
der >Eisernen Front< werden in Schutzhaft genommen, ihre
Fahnen beschlagnahmt. Es bleibt ruhig.< Die Demokratie geht fast
kampflos unter, das Terrorregime setzt sich durch.
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Die
>Gleichschaltung< in Dillingen |
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Anfänglicher
Wiederstand |
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Bereits am 10. März 1933 werden in Bayern das
>Reichsbanner< und die >Eiserne front< verboten. Am
12.03.1933 meldet der >Donaubote< die Verhaftung der Führer
der Reichsbanner-Organisation im Landkreis, darunter der Führer des
Reichsbanners Dillingen, Ferdinand Schuster, und der Führer des
Reichsbanners Schretzheim, 2.Bürgermeister Michael Durner. Die
Fahnen werden beschlagnahmt. Noch am 09. März stellt sich der
letzte demokratische Stadtrat in Dillingen zusammen mit
Bürgermeister Hogen gegen das Ersuchen der NSDAP-Kreisleitung, am
10. März 1933 beim Rathaus die Hakenkreuzfahne hissen zu dürfen.
Die Bürger Dillingens haben sich bei den letzten Wahlen mit
überwiegender Mehrheit gegen das Hakenkreuz ausgesprochen,
begründet Bürgermeister Hogen seine ablehnende Haltung. In der
Aussprache stellen sich auch die beiden SPD-Stadträte Bold und
Handschuh gegen die Hakenkreuzfahnen Hissung. Aber auch dies kommt
im Stadtratsbeschluss zum Ausdruck: >... gegen das zwangsweise
Aufziehen der Fahne wird protestiert, da es sich um eine Parteifahne
handelt. Auf Gewaltanwendung lässt man es nicht ankommen<.
darauf baut auch NSDAP-Kreisleiter Kunkel und marschiert mit dem
SA-Sturm aus Lauingen zur Hakenkreuzfahnen-Hissung vor das Dillinger
Rathaus. Auch wenn der Fahnenmast zum Ärger der Nazis dabei bricht,
es ist nur ein kurzer Aufschub bis zur >Machtergreifung< auch
in Dillingen.
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Die
>Gleichschaltung< beginnt |
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Am 26. März 1933 hat sich das Blatt auch in Dillingen
gewendet. Bürgermeister Hogen hat die Stadträte zu einer
>Außerordentlichen Sitzung< zu ungewöhnlicher Stunde, am
Sonntag vormittag um 11:00 Uhr, in den Grpoßen Rathaussaal geladen.
>Der grosse Sitzungssaal war heute der Schauüplatz einer
denkwürdigen außerordentlichen Sitzung des Stadtrates
Dillingen< vermerkt das Protokoll. >Der Saal war reich
geschmückt mit schwarz-weiß-roten hakenkreuz- und weiß blauen
Fahnen<; über 100 Zuschauer notiert das Protokoll.
Bürgermeister Dr. Hogen verweist auf die rede Hitlers vor dem
Reichstag am 22. März 1933 (Ermächtigungsgesetz) und fährt fort:
>Ich halte es deshalb für richtig, dass wir der Öffentlichkeit
gegenüber zum Ausdruck bringen, dass auch wir uns ohne Rückhalt
hinter die nationale Regierung stellen, von der wir die Deutschlands
Rettung erwarten<. >Zum äußeren Zeichen unserer
Gesinnung< schlägt dann Bürgermeister Dr. Hogen vor, die Große
Allee in Hindenburg-Allee und die Gabelsberger Straße in
Adolf-Hitler Straße umzubenennen. Diesem Vorschlag stimmen alle
anwesenden Stadträte (auch die der SPD) einstimmig zu. >Die
Anwesenden sangen mit großer Begeisterung zwei Strophen des
Deutschlandliedes. Am Rathaus wurden die schwarz-weiß-rote
Hakenkreuzfahne und die weiß-blaue Fahne gehisst, und im Hof des
Rathauses knallten die Salutschüsse<, schließt das Protokoll
jener >denkwürdigen Stadtratsitzung<.
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>Gleichschaltung<
auch im Stadtrat |
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Auch vor dem Stadtrat macht die
>Gleichschaltung< nicht halt. Auf Grund des
>Gleichschaltungsgesetzes< vom 07.04.1933 wird der Stadtrat
aufgelöst. Am 22. April 1933 erfolgt die Neubesetzung des
Stadtrates. Am 25.04.1933 konstituiert sich der letzte >mehrparteiige<
Stadtrat neu. Die Zusammenstellung erfolgt unter Berücksichtigung
des Ergebnisses der Reichstagswahlen vom 05.03.1933. Die Stadträte
sind von den Parteien benannt worden. Nachdem sich die SPD am
28.03.1933 in Dillingen aufgelöst hat, hat sie auch kein
Vorschlagsrecht mehr für den ihr an und für sich zustehenden
Stadtratsitz. Bei korrekter Sitzverteilung stünden BVP 10 Sitze,
NSDAP 5 Sitze und den Deutsch-Nationalen 1 Sitz zu. Tatsächlich
besetzen die Nazis (einschl. 2. BM Maas) 9 Sitze, die BVP nur 7
Sitze. >Auf Grund von Verhandlungen konnten wir erreichen, dass
wir 9 Sitze besetzen konnten<, betont NSDAP-Fraktionsvorsitzender
Wieland. Wir können uns heute wohl schon vorstellen, wie diese
Verhandlungen ausgesehen haben. Am 27.Juni 1933 legen die beiden BVP
- Stadträte Weilhammer und Maier ihre Mandate nieder. Die übrigen
fünf BVP Stadträte geben folgende Erklärung ab: Die BVP habe sie
von ihrem Treue-Verhältnis entbunden. Sie ersuchen nun die NSDAP um
Aufnahe und stellen der NSDAP anheim, über ihre Stadtratsmandate
nach Ermessen zu verfügen. Am 17. August 1933 besetzen die
Nationalsozialisten sämtliche bisher von der BVP besetzten
Stadtratsitze. es gibt nur noch NSDA-Stadträte im Dillinger
Stadtrat. Die >Gleichschaltung< ist damit auch in Dillingen
vollendet. |
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